{"id":2178,"date":"2014-07-16T08:30:42","date_gmt":"2014-07-16T06:30:42","guid":{"rendered":"http:\/\/mhak.de\/?p=2178"},"modified":"2014-07-16T08:32:51","modified_gmt":"2014-07-16T06:32:51","slug":"buchbesprechung-14-der-grosse-krieg-oliver-janz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mhak.de\/?p=2178","title":{"rendered":"Buchbesprechung:<\/br>14 \u2013 Der gro\u00dfe Krieg (Oliver Janz)"},"content":{"rendered":"<p>F.A.Z. \/ F.A.S. vom DIENSTAG, 03. JUNI 2014 &#8211; POLITIK<\/p>\n<p>Berlins grobe Fehleinsch\u00e4tzung<\/p>\n<p>Das Kriegsgeschehen von 1914 bis 1918 aus globaler Perspektive<\/p>\n<p>Das Interesse der \u00d6ffentlichkeit an Darstellungen von Vorgeschichte, Verlauf und Folgen des Ersten Weltkrieges ist f\u00fcr den Historiker erfreulich. Darin spiegelt sich das Bed\u00fcrfnis vieler Menschen nach historischer Orientierung in einer immer komplexeren Welt. Zu diesen neuesten Werken zu diesem Themenkomplex geh\u00f6rt das Buch des Berliner Historikers Oliver Janz, der unter dem Titel \u201e14\u2013 Der gro\u00dfe Krieg\u201c das Kriegsgeschehen aus globaler Perspektive beschreibt.<\/p>\n<p><!--more Lesen Sie hier weiter... --><br \/>\nMit viel Gesp\u00fcr f\u00fcr Nuancen betont Janz, dass der Krieg keineswegs das zwangsl\u00e4ufige Ergebnis von Nationalismus, Imperialismus und Sozialdarwinismus, Kriegserwartungen und Kriegsbereitschaft oder der Blockbildung zwischen den gro\u00dfen M\u00e4chten gewesen sei. Auch Planungen f\u00fcr einen Krieg seien nicht identisch gewesen mit dem Willen, diesen auszul\u00f6sen. Die Situation sei vielmehr auch 1914 offener gewesen, was aber nicht bedeute, die vorhandenen Konflikte zu relativieren.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Reichsleitung in Berlin habe die Ermordung des \u00f6sterreichischen Thronfolgers die unerwartete Chance geboten, die verfahrene internationale Situation zu ihren Gunsten zu \u00e4ndern. Insofern trage sie die \u201eHauptschuld\u201c \u2013 ein eher ungl\u00fccklicher Begriff \u2013 am Geschehen, \u201eauch wenn man ihr nicht die gezielte Ausl\u00f6sung des Konflikts, sondern nur grobe Fehleinsch\u00e4tzungen und eine ganze Reihe von schweren Fehlern attestieren will\u201c. Diese Lesart entspricht zwar nicht dem, was Christopher Clark in seinem aufsehenerregenden Buch \u00fcber die \u201eSchlafwandler\u201c suggeriert, die Mehrheit der Zunft d\u00fcrfte ihr aber zustimmen.<\/p>\n<p>Auf den \u00fcbrigen dreihundert Seiten gibt Janz einen \u00dcberblick \u00fcber den Krieg als globales Ereignis. Aufmarsch, Vormarsch und Stellungskrieg oder den Einfluss moderner Technik auf das Geschehen schildert er dabei gleicherma\u00dfen wie die furchtbaren Verluste: 373 369 deutsche, 327 000 franz\u00f6sische und 89 964 englische Soldaten verloren allein in den ersten beiden Monaten im Westen ihr Leben, wurden verwundet oder gerieten in Gefangenschaft. <\/p>\n<p>Doch so hoch die milit\u00e4rischen Verluste an der Westfront auch waren, an der \u201evergessenen Ostfront\u201c, auf dem Balkan und im Nahen Osten, waren sie erheblich h\u00f6her. Dort zeigten sich zugleich die Folgen des Konflikts f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung, ein Zeichen der zunehmenden Entgrenzung des Krieges, in weitaus gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe als im Westen.<\/p>\n<p>Allerdings waren auch in Belgien mehrere tausend Zivilisten Opfer deutscher Willk\u00fcr geworden. Das W\u00fcten von k. u. k. Standgerichten in Galizien, die Strategie der \u201everbrannten Erde\u201c, in deren Folge die geschlagenen russischen Armeen drei Millionen Zivilisten zur Flucht nach Osten zwangen, die Rache der bulgarischen Armee an den Serben f\u00fcr die Niederlage im Balkan-Krieg sowie der systematische Mord der t\u00fcrkischen F\u00fchrung an Hunderttausenden Armeniern 1915 stellten freilich alles Bisherige in den Schatten. <\/p>\n<p>Dabei entstand bei vielen deutschen Soldaten ein \u201eBild\u201c vom Osten, von der eigenen \u00dcberlegenheit \u00fcber die als minderwertig empfundenen Slawen, das eine Generation sp\u00e4ter m\u00f6rderische Folgen haben sollte.<\/p>\n<p>Aber auch in den Kolonien tobte ein erbarmungsloser, vielfach vergessener Krieg. Die Verluste an Soldaten waren dabei eher gering, die der einheimischen Tr\u00e4ger ging hingegen in die Hunderttausende. Nicht vergessen werden sollten zudem jene, die sich in den franz\u00f6sischen Kolonien der Rekrutierung f\u00fcr das \u201eMutterland\u201c widersetzten und zu Tausenden als Rebellen get\u00f6tet wurden. Der Befund, der Krieg habe das Prestige der Kolonialm\u00e4chte in ihren Kolonien vermutlich eher gest\u00e4rkt als besch\u00e4digt, erstaunt insofern. Dieses Europa k\u00e4mpfte aber nicht nur mit Soldaten auf dem Schlachtfeld. <\/p>\n<p>K\u00fcnstler, Professoren und Journalisten fochten zugleich mit ihren \u201eWaffen\u201c einen bis dahin unbekannten Kulturkrieg aus. Mit fatalen Folgen f\u00fcr die politischen Kulturen Europas wurde der Gegner als Bestie d\u00e4monisiert, das eigene Volk zum alleinigen Tr\u00e4ger zukunftsf\u00e4higer Ideen stilisiert.<\/p>\n<p>Wie schwer der Weg zur Vers\u00f6hnung dann \u2013 jenseits aller Bestimmungen der Pariser Vorortvertr\u00e4ge \u2013 sein w\u00fcrde, machen auch die unterschiedlichen Formen des Gedenkens deutlich: In Frankreich sprach man von \u201eDenkm\u00e4lern f\u00fcr die Toten\u201c, in Deutschland dagegen von Krieger-, bald von \u201eHeldendenkm\u00e4lern\u201c. Auch der Gefallenenkult sollte deutlich machen, dass der \u201eKrieg nicht wirklich beendet und seinen Toten ein Verm\u00e4chtnis\u201c zugeschrieben wurde, das sich nur durch weitere Kriege einl\u00f6sen lie\u00df.<\/p>\n<p>Die besondere Leistung dieses Buches liegt nicht in der Pr\u00e4sentation neuer Quellen. Es handelt sich vielmehr um eine gelungene Synthese bisheriger Forschungen, das Setzen neuer Akzente vor allem im Hinblick auf das Geschehen im Osten oder auch au\u00dferhalb Europas. Der Alltag des Krieges, sei es an der Front, sei es in der Heimat, wird ausf\u00fchrlicher als in vielen traditionellen Darstellungen behandelt. <\/p>\n<p>Auch auf die Frage, warum die Menschen so lange durchgehalten haben, gibt er nachdenkenswerte Antworten: Patriotisches Pflichtbewusstsein, den Willen, Heimat und Familie zu verteidigen, oder schlichtweg Kameradschaft betrachtet Janz zu Recht als ma\u00dfgeblich.<\/p>\n<p>Angesichts dieses \u00fcberzeugenden \u00dcberblicks ist es bedauerlich, dass Janz neuere Werke, sei es zum \u201eSchlieffenplan\u201c, sei es zur franz\u00f6sischen Politik 1913\/14, nicht ber\u00fccksichtigt hat. Manche Frage, die er f\u00fcr immer noch offen h\u00e4lt, h\u00e4tte er dann beantworten, manchen \u00e4rgerlichen Fehler vermeiden k\u00f6nnen. Gleichwohl, die Gesamtleistung bleibt beeindruckend.     <\/p>\n<p><strong>Michael Epkenhans <\/p>\n<p>Oliver Janz: 14 \u2013 Der gro\u00dfe Krieg.<br \/>\nCampus Verlag, Frankfurt a. M. 2013.<br \/>\n415 S., 24,99 \u20ac<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F.A.Z. \/ F.A.S. vom DIENSTAG, 03. JUNI 2014 &#8211; POLITIK Berlins grobe Fehleinsch\u00e4tzung Das Kriegsgeschehen von 1914 bis 1918 aus globaler Perspektive Das Interesse der \u00d6ffentlichkeit an Darstellungen von Vorgeschichte, Verlauf und Folgen des Ersten Weltkrieges ist f\u00fcr den Historiker erfreulich. 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