{"id":2128,"date":"2014-05-06T12:41:04","date_gmt":"2014-05-06T10:41:04","guid":{"rendered":"http:\/\/mhak.de\/?p=2128"},"modified":"2014-05-06T12:43:36","modified_gmt":"2014-05-06T10:43:36","slug":"buchbesprechung-die-buechse-der-pandora","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mhak.de\/?p=2128","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Die B\u00fcchse der Pandora"},"content":{"rendered":"<p>Im Zusammenhang mit unserem Vortragsabend am 5. Mai  \u201e\u00d6sterreich-Ungarn und der Kriegsausbruch 1914\u201c  macht unser Mitglied Dr. Michael Vollert auf eine Buchbesprechung aufmerksam, die in der F.A.Z. \/ F.A.S erschien. Autor ist der Bielefelder Emeritus Hans Ulrich Wehler.<\/p>\n<p>DIENSTAG, 06. MAI 2014 &#8211; FEUILLETON<\/p>\n<p>Beginn einer neuen Epoche der Weltkriegsgeschichte<\/p>\n<p>Christopher Clark, Herfried M\u00fcnkler, sch\u00f6n und gut \u2013 aber das wichtigste Buch zum Ersten Weltkrieg legt J\u00f6rn Leonhard mit <b>\u201eDie B\u00fcchse der Pandora\u201c<\/b> vor. Es ist un\u00fcbertrefflich.<\/p>\n<p><!--more  ...lesen Sie bitte hier weiter ! --><br \/>\nIn der anschwellenden Flut von Literatur \u00fcber den Ersten Weltkrieg, dessen Ausbruch vor hundert Jahren als Auftakt der \u201eUrkatastrophe\u201c des zwanzigsten Jahrhunderts ins Ged\u00e4chtnis gerufen wird, gibt es sehr unterschiedliche Leistungen und Tiefpunkte. Bisher bietet der in Cambridge lehrende australische Historiker Christopher Clark mit seinen \u201eSchlafwandlern\u201c, derzeit schon in der dreizehnten Auflage, eine lohnende Geschichte der internationalen Beziehungen vor dem Herbst 1914. Doch die Proportionen von Clarkes Text stimmen nicht. Hundert Seiten \u00fcber Serbien und seine gef\u00e4hrliche Terrorismusszene folgen l\u00e4ngere Kapitel \u00fcber Frankreich, Russland und England, w\u00e4hrend ein eigener, ausf\u00fchrlicherer Teil \u00fcber die Berliner Entscheidungsprozesse, deren Folgenreichtum bekannt ist, fehlt.<\/p>\n<p>Man gewinnt den Eindruck, dass sich Clark partout von der Fischer-Kontroverse der sechziger Jahre so weit wie m\u00f6glich distanzieren m\u00f6chte. Zu dieser Position passt auch, dass er die methodisch immer lohnende Frage nach den \u201eNon-Decisions\u201c, nach den schwerwiegenden Folgen nicht getroffener Entscheidungen, nirgendwo konsequent verfolgt.<\/p>\n<p>Wozu h\u00e4tte eine aufrechte, auf Friedenswahrung abgestellte England-Politik Bethmann Hollwegs gef\u00fchrt? Wohin eine entschieden bremsende reichsdeutsche Politik? Warum konnten die beiden Balkankriege im Vorfeld von 1914 vom europ\u00e4ischen Staatensystem aufgefangen werden, w\u00e4hrend das mit dem dritten von deutscher Seite nicht ernsthaft versucht wurde?<\/p>\n<p>Durch sein Vorgehen verwischt Clark verbl\u00fcffend einseitig den massiven deutschen Verursachungsanteil an der fatalen Konstellation, die zum Krieg gef\u00fchrt hat. Dem besch\u00f6nigenden Kommentar des englischen Politikers Lloyd George aus den zwanziger Jahren, alle Staaten seien letztlich in das Unheil \u201ehineingeschlittert\u201c, wird zielstrebig zu neuer Geltung verholfen. Und der Verkaufserfolg auf dem deutschen B\u00fcchermarkt \u2013 keineswegs auf dem englischen! \u2013 verr\u00e4t ein tiefsitzendes, jetzt wieder hochgesp\u00fcltes apologetisches Bed\u00fcrfnis, sich von jenen Schuldvorw\u00fcrfen zu befreien, die in der Kontroverse um das Kriegszielbuch des Hamburger Historikers Fritz Fischer (\u201eGriff nach der Weltmacht\u201c, 1961) allenthalben verfochten worden waren.<\/p>\n<p>Das gleichzeitig erschienene Buch des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried M\u00fcnkler wird der intensiven Debatte \u00fcber den Weltkrieg nicht von ferne gerecht. Offenbar muss man sich mit der einen gewaltigen Umfang erreichenden Forschungsliteratur ganz anders vertraut machen. \u00dcbrigens ist die strenge Deutschland-Zentriertheit seines Buchs den weitgespannten globalen, vergleichenden Perspektiven von Leonhard krass unterlegen. M\u00fcnklers penetrante Kritik an Fischer bezeugt zudem die Verst\u00e4ndnislosigkeit, mit der er dessen Leistung begegnet, jahrelang mit imponierender Zivilcourage als einziger deutscher Neuzeithistoriker die Kritik an der Julikrise 1914 und an den Kriegszielpl\u00e4nen bis 1918 \u2013 sowie an den damals nur zu oft verschwiegenen Kontinuit\u00e4tslinien bis 1945 \u2013 pointiert vertreten zu haben.<\/p>\n<p>Doch gl\u00fccklicherweise ist soeben die gl\u00e4nzende Analyse \u201eDie B\u00fcchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs\u201cdes Freiburger Historikers J\u00f6rn Leonhard erschienen, die in einem umfangreichen Konvolut von 1150 Seiten ein wahrhaft umfassendes Panorama des Ersten Weltkriegs, seiner Vorgeschichte und seiner Ursachen, seines Verlaufs und seiner Folgen pr\u00e4sentiert. Alle Historiker wissen, dass sie das theoretische Ziel einer \u201eTotalgeschichte\u201c wegen des ihnen nur verg\u00f6nnten partiellen Erkenntnisgewinns nie erreichen k\u00f6nnen. Doch Leonhard kommt dieser totalgeschichtlichen Zielutopie erstaunlich nahe.<\/p>\n<p>Der Freiburger Neuzeithistoriker war bisher mit zwei m\u00e4chtigen B\u00e4nden \u00fcber \u201eLiberalismus\u201c und \u201eBellizismus\u201c hervorgetreten, die durch eine eigent\u00fcmliche Mischung von moderner Ideen- und koselleckscher Begriffsgeschichte auffielen. Mit seinem Glanzst\u00fcck zur Weltkriegsgeschichte hat er seine fr\u00fcheren Leistungen geradezu sprungartig weit \u00fcbertroffen. Der Umfang des Buches verbietet eine Schritt f\u00fcr Schritt referierende Darstellung des Inhalts. Wohl aber k\u00f6nnen die auffallenden Vorz\u00fcge dieser Synthese knapp pr\u00e4sentiert werden.<\/p>\n<p>An erster Stelle steht das scharf ausgepr\u00e4gte Problembewusstsein des Verfassers, das ihn durchweg zu einer \u00fcberzeugenden Problemorientierung seiner analytischen Fragen und seiner erkl\u00e4rungskr\u00e4ftigen Antworten anh\u00e4lt. Seine Methode, jeweils ein halbes Dutzend solcher Fragen aufzuwerfen und dann \u00fcberzeugend zu er\u00f6rtern, erleichtert dem Leser eine eingehende Auseinandersetzung mit der jeweils anstehenden Problematik.<\/p>\n<p>Trotz dieses analytischen Duktus kommt die Ereignisgeschichte, und zwar in einem imponierenden globalen Umfang, keineswegs zu kurz. Sie wird aber eigentlich immer wieder durch eine vergleichende Argumentation geb\u00e4ndigt. Dadurch wird eine riesige Informationsf\u00fclle gl\u00e4nzend strukturiert, ob es um den immens wichtigen Beitrag der britischen Dominions zur englischen Kriegsleistung, die Bew\u00e4ltigung der Kriegskosten oder die Strapazen an der Heimatfront, die ausgedehnte Nachkriegsgeschichte in aller Welt geht. Wie viel plausibler wird jetzt der Erste Weltkrieg als Vorgeschichte und determinierende Kraft des Zweiten Weltkriegs begriffen!<\/p>\n<p>Der \u201eWeltkrieg\u201c schlie\u00dflich, durchaus als globale Konflikth\u00e4ufung verstanden, wird als eine Vielfalt von Problemen, die in anderen Gesamtdarstellungen \u00fcberhaupt nicht oder nur selten punktuell zur Sprache kommen, kenntnisreich er\u00f6rtert. Das reicht vom Mikrokosmos der Grabenwelt im Stellungskrieg \u00fcber die K\u00f6rpererfahrung an der Front und in der Heimat bis zur Schlachtenschilderung der K\u00e4mpfe bei Verdun und an der Somme mit ihren Hunderttausenden von Toten auf beiden Seiten. Das weite Ausgreifen wird durch ein durchweg \u00fcberzeugendes Herausarbeiten der Gemeinsamkeit von Problemlagen in den kriegf\u00fchrenden L\u00e4ndern, aber auch der gravierenden Unterschiede zwischen ihnen gewisserma\u00dfen diszipliniert.<\/p>\n<p>Man kann den Autor nur bewundern, dass er diese methodische Ausrichtung so konsequent durchgehalten hat.<\/p>\n<p>Die Sprache dieses riesigen Textes bleibt elastisch und stets begriffsscharf. Allenfalls h\u00e4tte ein energischer Lektor eingreifen sollen, da die deutsche Sprache nun einmal vorbehaltlos den Singular liebt, keineswegs aber die st\u00e4ndigen Pluralformen, die als Anglizismen in das Gegenwartsdeutsch immer weiter eindringen. Die Anmerkungen entsprechen der F\u00fclle der Urteile und Informationen; die Register erschlie\u00dfen den Text f\u00fcr suchende Leser; die Bibliographie ist ein kleines Meisterwerk f\u00fcr sich, da sie aus einer riesigen Literatur eine \u00fcberzeugende Auswahl getroffen hat.<\/p>\n<p>Kurzum, wir haben mit J\u00f6rn Leonhards imponierender Synthese ein theoretisch und methodisch h\u00f6chsten Anspr\u00fcchen gen\u00fcgendes, durch seine Interpretationskunst, seine Vielseitigkeit und die Informationsdichte \u00fcberzeugendes Werk gewonnen, das nicht zuletzt durch sein gerechtes Urteil \u00fcberzeugt. Wird am Ende des Jahres 2014 eine Bilanz der Literaturschwemme zum Ersten Weltkrieg gezogen, wird Leonhard aller Wahrscheinlichkeit nach als einsamer Spitzenreiter aus diesem Wettbewerb hervorgehen, denn mit seiner Analyse beginnt eine neue Epoche der Weltkriegsgeschichte.      <\/p>\n<p><b>Hans-Ulrich Wehler<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zusammenhang mit unserem Vortragsabend am 5. Mai \u201e\u00d6sterreich-Ungarn und der Kriegsausbruch 1914\u201c macht unser Mitglied Dr. Michael Vollert auf eine Buchbesprechung aufmerksam, die in der F.A.Z. \/ F.A.S erschien. Autor ist der Bielefelder Emeritus Hans Ulrich Wehler. DIENSTAG, 06. MAI 2014 &#8211; FEUILLETON Beginn einer neuen Epoche der Weltkriegsgeschichte Christopher Clark, Herfried M\u00fcnkler, sch\u00f6n [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[61],"tags":[],"class_list":["post-2128","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p1G9BX-yk","jetpack_sharing_enabled":true,"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-06-19 03:45:49","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2128"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2128\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mhak.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}